Psychosoziale Situation der Familie
Diplom
Psychologin Marta Gonçalves (Universität Freiburg)
Heutzutage hört man im Alltag immer wieder Thesen
von „Familienverfall“. Mehr oder weniger tendiert man dazu, die Familie
negativ
zu beurteilen. Gleichzeitig schreibt zum Beispiel ein Familienforscher
„die
Familie spielt eine entscheidende Rolle hinsichtlich emotionaler
Unterstützung
und durch das Zugehörigkeitsgefühl, beides Form erlebter
Solidarität“ (Fuchs,
2003: 198), „Familien bilden soziale Systeme als Grundlage von
gesellschaftlichen Systemen“ (Fuchs, 2003:186).
Wie kommt es zu solchen
Widersprüchen? Gibt es
zwei verschiedene Welten? Auf der einer Seite die normale Gesellschaft
und auf
der anderen die Forschung?
Es ist schon wahr, dass die
Struktur der Familie sich verändert, oder besser
vervielfältigt
hat - es gibt
mehrere Familienformen. Heute sehen wir nicht nur die klassische
Kleinfamilie
gebildet von Mutter, Vater und Kindern, sondern auch Alleinerziehende, Patchwork-, Pflege- und Stieffamilien,
u.a.. Jedoch die
Verbreitung der
Familienformen fand nicht vor kurzem statt, sondern schon vor
Jahrhunderten.
Was heute passiert, ist, dass die entsprechenden
Gründunganlässe anders sind
und diese Formen in allen sozialen Schichten vorkommen (Nave-Herz,
1994; 2000).
Aber entspricht das einem
„Familienverfall“? Wenn
ja, würde es heissen, dass zum Beispiel eine Patchworkfamilie
anders zu bewerten ist, als eine klassische
Zwei-Eltern-Familie?
Diese verschiedenen
Familienformen werden heutzutage öffentlich sogar mehr akzeptiert
(Nave-Herz, 1994). “Noch immer gehen zwei
drittel aller Menschen eine Ehe ein, was in der weitaus
überwiegenden Zahl der
Fälle auch eine spätere Familiengründung zur Folge hat.”
(Schockenhoff, 2003:107),
d.h. die Zwei-Eltern-Familie hat noch heute die höchste
Häufigkeit.
Jede Familie ist eine
einmalige Familie und man kann sie
nicht vergleichen im Sinne einer Berwertung. Was man sehen kann, ist,
wie die
einzelne Familie als System funktioniert, wie sie zusammenlebt und den
Alltag bewältigt.
Was bedeutet Familienforschung? Wenn
man in einer Suchmaschine unter «Familienforschung» sucht,
kommen u.a. Projekte im
Bereich Genealogie. Familienforschung bezieht sich aber auch auf
verschiedene
andere Disziplinen wie Psychologie, Soziologie,
Wirtschaftswissenschaften,
Demografie, Soziopolitische Wissenschaften und Recht. „Die
Lebenseinheit
Familie kann von einzelnen Teildisziplinen nur begrenzt erfasst werden“
(Wingen, 2002: 165).
Das Projekt von dem hier die Rede ist, gehört
in den Bereich der Psychologie. „Der besondere Schwerpunkt der
Familienpsychologie
als eine
wissenschaftliche Disziplin liegt auf dem Verhalten und Erleben von
Personen in
Beziehung zu ihrer Familie“ (Schneewind, 1999:34).
Diese Familienforschung im psychologischen Sinn
befindet sich heutzutage in einer
fünften
Phase deren Entwicklung befinden. Zuerst haben sich die Forscher nur an
die
„mutterliche Erziehungsverhalten als Einbahnstrasse“ konzentriert, dann
an den
„Beitrag des Kindes“. In einer dritten Phase geriet der Vater ins
Blickfeld. Vor
kurzem begann man die Familie als ein System zu betrachten. Und
heutzutage
beobachten wir die Familie als ein System, das in einem „epochalen
und sozio-kulturellen
Kontext“ (Schneewind, 1999: 120-122) in Kontakt mit vielen anderen
Systemen
lebt.
In diesem Projekt mit dem langen Titel „Die psychosoziale Situation der Familie mit einem Familienmitglied mit Williams Syndrom in Portugal und Deutschland“ möchte ich die Bewältigungsformen und Bedürfnisse von diesen Familien untersuchen. Mit welchen Anforderungen, Erwartungen und Schwierigkeiten müssen sich die Familienmitglieder auseinandersetzen. Unter Familienmitglieder versteht man nicht nur die Eltern, auch die Geschwister und andere Verwandte, die auch zu der Kleinfamilie gehören, d.h. die zusammenleben. Und natürlich die Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Williams Syndrom haben.
Da es sich um eine qualitative
Studie handelt, die Prozesse untersucht, werden im Laufe der Forschung
immer wieder neue Forschungsfragen entwickelt. Die Formulierung der
Fragestellung „stellt sich im Prozess
der
Forschung nicht nur am Anfang, wenn die Studie oder das Projekt
konzepiert
wird, sondern in verschiedenen Phasen des Prozesses: bei der Konzeption
des
Forschungsdesigns, bei der Erschliessung des Feldes, bei der Auswahl
von Fällen
und der Datenerhebung.“ (Flick, 1995: 63)
Von der Methode her wird zuerst mit
jedem Mitglied der
Familie ein Interview geführt und dann ein gemeinsames
Tischgespräch mit der ganzen Familie (z. B. ein Abendessen)
aufgenommen, von denen dann eine Textanalyse durchgeführt wird.
Warum dieses komplexe Design?
„Familiengespräche sind soziale Veranstaltungen, die sich
durch einen fixen zeitlichen und räumlichen Rahmen auszeichnen.“
(Keppler,
1995: 50). Aber die Perspektive des Einzelnen spielt die Hauptrolle bei
dieser
Studie, denn Coping ist immer individuell
und man kann nur die Bewältigungsformen und die Bedürfnisse
der Familie
kennenlernen, wenn man den Einzelnen betrachtet. „Qualitative Forschung
hat den
Anspruch, Lebenswelten «von innen heraus» aus der Sicht der
handelnden Menschen
zu beschreiben. Damit will sie zu einem besseren Verständnis
sozialer Wirklichkeit(en)
beitragen und auf Abläufen, Deutungsmuster und Strukturmerkmale
aufmerksam
machen.“ (Flick, von Kardoff & Steinke, 2000: 14)
Die Feinanalyse dient dazu, zu
sehen was zum Ausdruck kommt, wie zum Beispiel die Beziehungs- und
Kommunikationsmuster der Familie sind. „Lebensgeschichtliches
Erzählen
gehört zum Alltag der Menschen, nicht jedoch die Reflexion und
Auseinandersetzung
mit den darin enthaltenen Strukturen.“ (Fuchs, 1999: 67)
Diese Arbeit soll den
teilnehmenden Familien dienen, sich mit sich selbst
auseinanderzusetzen. Wenn
man unseren Körper betrachten möchte, sucht man einfach einen
Spiegel. Mit den
emotionalen und rationalen Aspekten, die man nicht einfach in einem
Spiegel
betrachten kann, muss man etwas anderes suchen. Und dieses anderes kann
zum
Beispiel ein Projekt wie dieses sein.
Wie schon gesagt wurde, jede Familie ist eine
einmalige Familie und am Ende möchte man keine materiellen
Ergebnisse haben,
sondern
einzelne Familien und Individuen darstellen. Das Williams Syndrom wurde
hierbei gewählt wegen seines
Verhaltensphänotypes (vgl. Sarimski, 1996) und weil es sich um ein seltenes
Syndrom handelt.
Ein Grund für diese
Forschung ist, das Williams Syndrom in der Öffentlichkeit weiter vorzustellen. Dadurch, dass die
Forschung solcher Syndromen finanziell nicht leicht gefördert
wird, kommt die
Information auch selten an die Gesellschaft. Wenn man heute über
Williams
Syndrom spricht, obwohl dieser Name schon mehr als 30 Jahren alt ist,
kennt
keiner kaum wovon man redet, nicht nur das Volk, auch die Fachleute.
Diese Arbeit wird in zwei
Länder durchgeführt aus folgendem Grund: Durch die
Gründung der Europäischen Union,
in der die Grenzen absolviert wurden, entstanden neue Bedürfnisse
in
verschiedenen Bereichen der Forschung. Es gibt, zum Beispiel, das Ziel
gemeinsame Standards zu entwickeln, d.h. europäische Standards.
Dafür muss man
die verschiedene Länder untersuchen. Mit diesem Projekt gibt es,
zum Beispiel,
auch das Ziel, europäische Standards für die
Unterstützung der Familie (u.a.
integrative Freizeiteinrichtungen, Selbsthilfegruppen) zu entwickeln.
Literatur
Flick,
U., von Kardoff, E. & Steinke, I.
(Hg.) (2000). Qualitative Forschung. Ein
Handbuch. Reinbeck: Rowohlt.
Flick,
U. (1995). Qualitative Forschung. Theorie, Methoden,
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Fuchs, D. (2003). Entwicklungsaufgaben in der Familie – Chancen, Grenzen und Konflikten.In Familie und Partnerschaft in der heutigen Gesellschaft: christliche, soziale und gesellschaftspolitische Aspekte. Jahrestagung der Katholischen Aerztearbeit Deutschlands 02. bis 04. Mai 2003, Tagungshaus Augustinerloster Erfurt.
Fuchs,
D. (1999). Beziehungsmuster in Lebensgeschichten.
Konzeption und Beispiele sozialarbeitswissenschaftlicher
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Echter.
Keppler, A. (1995).
Tischgespräche.
Über formen kommunikativer Vergemeinschaftung am Beispiel der
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Nave-Herz, R. (2000).
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Brueckenschläge zwischen Forschung und Praxis. Goettingen:
Hogrefe.
Nave-Herz,
R. (1994). Familie heute. Wandel
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Wissenschaftliche
Buchgesellschaft.
Sarimski, K. (1996). Sozial-emotionale Entwicklung und Elternbelastung beim Williams-Beuren-Syndrom. Monatsschr. Kinderheilkd. 144: 838-842.
Schneewind, K. A.
(1999). Familienpsychologie (2. Aufl.).
Stuttgart:Kohlhammer.
Schockenhoff,
E. (2003). Die Familie als Ort sozialen und moralischen
Lernens. Moraltheologische Überlegungen zu ihren anthropologischen
Grundlagen. In Familie und Partnerschaft in der
heutigen Gesellschaft: christliche, soziale und gesellschaftspolitische
Aspekte. Jahrestagung der Katholischen Aerztearbeit Deutschlands 02.
bis 04.
Mai 2003, Tagungshaus Augustinerloster Erfurt.